Doktorarbeit: Flüssiger Stickstoff
Geschrieben von Lars in Allgemein, Musik & Nachtleben, tags: Amnesia, Flüssiger Stickstoff, Ibiza, Ice Canon, ln2Nachdem ich vor vielen Jahren zum ersten Mal im Amnesia auf Ibiza war, war ich total begeistert von der „Eiskanone“, die es in dieser Form nur dort gibt. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um ein kleines Rohr über der Tanzfläche, aus dem mehrmals am Abend ein eiskalter Nebel mit sehr hohem Druck schießt. Das Ding hängt gut acht Meter über der Tanzfläche und hat so eine Kraft, dass es schon einige Leute auf der Tanzfläche weggeblasen hat. Da ist richtig Bumms dahinter. Der Nebel macht in wenigen Sekunden den ganzen Laden dicht, kurz darauf ist alles wieder komplett verschwunden. Bei der Technik handelt es sich um ein kompliziertes System aus Druckluft und flüssigem Stickstoff, der eine Temperatur von minus 196 Grad °C hat.
Bei solchen Sachen bin ich wie ein kleiner Junge: Ich will es haben und damit spielen! Ich fand dieses Ding so geil, dass ich mich in den darauf folgenden Jahren richtig intensiv damit beschäftigt habe. Damals haben wir noch selber Partys in Hamburg veranstaltet und wollten diesen Effekt auf einem Event im „Bunker“ einsetzen. Ich bin bei einer Pyro-Effekt-Firma aus Köln
fündig geworden. Die hatten sowas zwar auch nicht, wollten es aber mal probieren. Ich habe Anschauungsmaterial in Form von Fotos und Videos geliefert, die Firma hat gebastelt. Riesiger Aufwand. Bei Linde-Gas wurden zwei große Tanks mit flüssigem Stickstoff geordert, ein Techniker kam aus Köln und hat Nachmittags alles im Club installiert: Eine spezielle Düse, Vakuumschläuche, das ganze Programm. Zwei Stunden vorm Event kam der Anruf vom Techniker: „Du, irgendwie funktioniert das nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe“. Der Effekt war total beschissen und nicht annähernd so geil, wie auf Ibiza. Alle waren Ratlos. Wie machen die das auf Ibiza? Warum funktioniert das bei uns nicht? Das Amnesia verrät natürlich nichts. Nur so viel: Eigenbau. Die haben vermutlich einen kleinen, spanischen, durchgeknallten Physiker im Keller sitzen, der diese Systeme bastelt. Manchmal läuft dort sogar jemand mit einer Mini-Version aufm Rücken über die Tanzfläche. Krank.
Ich wollte aber noch nicht aufgegeben. Es folgten Betriebsspionagen im Amnesia, viele Telefonate mit Spezialfirmen wie „Interesting
Products“ in Chicago oder „Kryogenifex“ in Miami, Mails an Physik-Professoren und endlose Diskussionen in irgendwelchen Experten-Foren. Inzwischen könnte ich eine Doktorarbeit über das Thema schreiben. Irgendwann kam auch das Gefühl durch, man könnte mit einem funktionierenden System Geld verdienen, indem man es an Clubs in Deutschland verkauft. Eine Firma aus Frankfurt war dann aber schneller und schlauer als ich und hat ein „kleines“ System in Papa Väths Cocoon Club in Frankfurt eingebaut. In diesem Video gibts dazu ein paar interessante Szenen. Nach einiger Zeit hatte ich zwar rausbekommen wie der Effekt funktioniert, aber auch gleichzeitig die Ernüchterung, dass ein vergleichbares System wie auf Ibiza, absolut unwirtschaftlich ist und für kaum einen Club in Deutschland bezahlbar wäre.
Pro Effekteinsatz/Ausstoß braucht man 100-200 Liter flüssigen Stickstoff. Das ist nicht mit mobilen Tanks zu realisieren, sondern nur mit einem großen Außentank, wie man ihn aus Industriegebieten kennt. So einer steht auch hinter dem Amnesia
auf Ibiza. Fassungsvermögen ab 10.000 Liter aufwärts. Der nötige Druck ist bei diesem Format inklusive. Dazu die entsprechenden Vakuumrohre, damit es keinen Temperaturverlust gibt. Außerdem muss ein Sauerstoff-Monitor mit mehreren Sensoren im Club installiert werden, damit die Leute nicht ersticken. Die Dinger findet man übrigens auch in vielen Parkhäusern. Düsen, Ventile und Schaltungen kommen auch noch dazu. Man kommt also auf einen reinen Einbau- und Materialpreis von mindestens 50.000 Euro und das ist schon sehr schlank gerechnet. Der flüssige Stickstoff kostet rund 30 Cent pro Liter und muss von Linde oder AirProducts per Tankwagen angeliefert werden. Natürlich kann man auch ein kleineres und günstigeres System basteln, wirklich wirtschaftlicher wird es dadurch aber auch nicht.
Gibt’s in Hamburg oder Stuttgart einen Club, der gerade etwas Geld übrig hat? Ich stehe gern mit Rat und Tat zur Seite. Und werde Stammgast.

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moin lars,
euer blog ist wirklich klasse, cooler beitrag!
schönes pfingswochenende!
gruß,
bt
Als ich mal im Amnesia war, haben sie damit ein Gogo runtergepustet.
Die Dame war zu sehr mit sich beschäftigt um das Winken der Djs, LJs und anderen Gogo-Mädels (die den Job wohl schon länger hatten) zu bemerken. Sie stand nämlich direkt vor/unter dem Ventil. Das Lied baute sich langsam zum Höhepunkt auf, Sven Väth am Regler.
Und so dachte sich der Techniker was ich an seiner Stelle auch gedacht hätte “Scheissegal. Die Stimmung ist zu gut um den Moment verstreichen zu lassen.”, und drückte den roten Knopf: PAFFFFFFFFFFFF!!!!!!!!!!!!!!!!!
Ich hätte wohl ähnlich entschieden
[...] funktioniert. Meistens. Abgesehen vom Feueralarm mit mehreren Löschzügen, dem ersten und letzten Stickstoff-Versuch oder einer Konfetti-Kanone von TBF-Pyrotec, die uns fast um die Ohren geflogen wäre. Zitat vom [...]
Is das genze spiel wirklich sooo kompliziert?
Wir hatten sowas letzten Sommer mal in “klein” auf ner Openair Party. Bestand aus 4 großen Flaschen die jeweils in den Ecken gut in Traversen versteckt und verstaut waren. Netter Effekt, aber VERDAMMT laut!
Dabei hat es sich vermutlich um co2 und nicht um ln2 gehandelt, oder? Mit co2 kann man outdoor auch ganz nette Sachen machen, drinnen wirds allerdings noch gefährlicher als ln2…
[...] werde offizieller Platten-Anreicher von Sven Väth im Cocoon Club und darf als Belohnung an seiner Nebelanlage [...]
Eh, Lars. Bist du immer noch Ibiza-Fan?? Die besten Tipps haste doch von mir bekommen. Und über die Kanone schrieb ich übrigens auch schon…